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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Seelenverträge

Seelenverträge und ihre Wandlung

Mechthild Hammacher März 2013

Wir kommen in diese Welt mit offenem Herzen und staunenden Sinnen. Wir wollen Erfahrungen machen.

Bringen wir Vorerfahrungen mit ? Wahrscheinlich ja. Wer weiß es ? ! Wir alle haben in die Augen eines jungen Säuglings geschaut und diese Fernen und Tiefen gesehen, die aus einer anderen Existenz zu kommen scheinen, waren berührt und konnten es nicht deuten.

Und zugleich beginnt das Ganze mit dem notwendigen Schrei. Es ist kalt, laut, fremd. Wir sind nicht vorbereitet auf diese neue Welt und müssen lernen, uns in ihr zurecht zu finden. Das tun wir mit allen Mitteln und Sinnen.

Unsere Entfaltung und unser Wachstum geht ganz offensichtlich nicht störungsfrei vonstatten, das scheint auch nicht so gemeint zu sein, so sehr sich unsere Umwelt auch bemühen mag, wenn sie es denn tut .

Und meistens bemüht sie sich nicht so, wie wir es gern hätten, denn durch unsere Existenz treten Probleme auf, zunächst einmal Platzprobleme für Eltern und Geschwister, Erwartungen und Bedürfnisse werden wach, die wir erfüllen sollen, wenn wir schon mal da sind oder auch Umstände des diesseitigen materie-dichten Lebens, die für uns ganz neu und unbegreiflich sind an die wir uns hart gewöhnen müssen. Wunden und Schmerzen sind unvermeidlich. Und erscheinen oft genug unerträglich.

Was tun wir?

Wir nehmen die Erwartungen unserer Umwelt, unserer geliebten Eltern über unsere noch so durchlässige Haut auf, in der Regel gibt es da Störungen in der Kommunikation und wir übersetzen falsch, insbesondere in ganz frühem Alter, wo wir die Kommunikationsgepflogenheiten noch gar nicht durchschauen und auch noch in dem Alter ( etwa zwischen 4 und 7 ), wo wir glauben, aus eigener Kraft die Welt verändern zu können - und schließen Seelenverträge: um die Liebe der Eltern zu erhalten und/oder die Not zu lindern, der wir uns gegenüber sehen, tun wir alles, von dem wir glauben oder bedeutet bekommen, dass es den Eltern, den Geschwistern, der Familie und sogar dem Kollektiv gut tut.

Wir übernehmen Verantwortung für das Wohlergehen der Mutter mit vier Jahren, sind dem Vater eine entzückende weibliche Gefährtin, weil die Mutter ihm dies verweigert oder lassen uns die lebenslange Verantwortung für alle Brüder übertragen, deren eigenständiger Lebenskraft die Mutter nicht vertraut, wir sind ein Leben lang brav, um den schwachen Eltern keinen Kummer zu machen,auch wenn damit alle unsere Lebensimpulse gebremst werden oder aber wir sind der Unhold der Familie, damit es einen Schuldigen für all die Verzweiflung und Aggression gibt, die mitten in der Familie steckt und ein Ventil sucht. Und wenn wir in eine Welt von Gewalt und Lebensbedrohung ( im Krieg, auf der Flucht...) geraten sind, auch dann schließen wir Seelenverträge, um dieses Los und die Zukunft subjektiv erträglich zu machen.

Wahrscheinlich machen wir unbewusst eine Fülle solcher Verträge, um den Schmerz des Daseins zu vermeiden und einen Weg in dieser komplizierten Welt zu finden. Vielleicht sogar machen wir in unserer Zeit, in der es kaum mehr äußere Regeln für unseren Platz in der Welt, über unser Verhalten gibt, ganz besonders viele ganz besonders persönliche Seelenverträge, für die wir – unbewusst – verantwortlich zeichnen. Und viele von ihnen, weil nicht ausgehandelt sondern in einer subjektiven Notlage entstanden um zu überleben, blockieren mehr oder weniger unsere ureigene und eigenwillige Lebenskraft: wir opfern Teile unserer Seele, diese bleiben traurig und verzweifelt zurück.

Bis wir so entfremdet und geschwächt sind, dass wir brechen und der Ablauf unseres Alltags nicht mehr funktionieren will. In der schamanischen Tradition gibt es die Vorstellung, dass im Kinderleben, wo wir so ganz ausgeliefert sind den gegebenen Lebensbedingungen, bei großer Enttäuschung und großem Schmerz Seelenteile zurück bleiben. Man kann sich vorstellen, der vitale hoffnungsvolle Anteil des Kindes, der erschrocken und enttäuscht wurde, bleibt einfach sitzen auf dem Lebensweg, während das angepasste Kind weiter geht. Und wenn man dann zurück schaut auf seinem Lebensweg mit dem weisen und erkennenden Auge, dann kann man einige zurückgebliebene Kinder in verschiedenen Altersstufen wieder entdecken, die sich verkrochen haben oder weinen ….. und man kann mit dem Herzen zu ihnen zurück gehen und mit ihnen reden und ganz langsam und geduldig Vertrauen aufbauen, bis diese Kinderseelenanteile bereit sind, ihre Entscheidung rückgängig zu machen und mit zu kommen und unser jetziges Leben wieder vitaler und manchmal abgegrenzter, manchmal liebesfähiger, doch auf jeden Fall vollständiger zu machen.

Dieses Bild kann helfen, die Seelenverträge zu verstehen und langsam auf zu lösen. Die Stunde der Anerkennung des Leidens ist zugleich die Stunde des Erwachens, sie hat die Kraft, die Heilung zu initiieren. Heilung bedeutet, eine bewusste Balance finden zwischen unseren Selbstentfaltungsimpulsen und den subjektiven und aktuellen Umständen.

Der erste Schritt ist die Erkenntnis, dass die bisherige Gestaltung unsres Lebens auf Mustern beruhte, die – in der Not geboren - eine Weile funktioniert haben, damit wir überleben konnten, nun jedoch unsere Entwicklung blockieren. Sie wollen gewürdigt – das ist ganz wichtig, sie sind aus guten Impulsen entstanden - und verabschiedet werden.

Wie ? Wir gehen – schamanisch gesprochen – zurück in die Unterwelt. Da treffen wir zuerst auf die "Kammer der Wunden". Alle die Schmerzen, die wir am Anfang unseres Lebens erlitten haben und deren Ausmaß uns so groß erschienen, dass wir schnell einen Vertrag geschlossen haben, um sie zu bannen, warten hier auf uns und wollen anerkannt und jetzt endlich durchlitten werden, damit die Wunden heilen können.

Keine Angst, das ist nun nicht mehr unerträglich, denn dem Kind, das wir einmal waren, und das mit den Wunden gänzlich überfordert war, können wir nun mit unseren Erfahrungen der Erwachsenen, die wir geworden sind, zur Seite stehen und das sollten wir auch tun. Unser inneres Kind braucht oftmals Zeit, unser Angebot zu prüfen und anzunehmen, seine Vorerfahrungen mit uns und unserer Fürsorge sind oft nicht die besten. Und dennoch sehnt es sich nach nichts anderem als nach unserer Anwesenheit und unserer bedingungslosen Annahme und Liebe, unsere Bereitschaft, die alten Schmerzen zu verstehen. Das ist der zweite Schritt.

Im dritten Schritt geht es an die Arbeit „im Archiv“, der Kammer der Seelenverträge:

welche Seelenverträge haben wir geschlossen, um dem Schmerz zu entgehen und uns und unsere Familie – vermeintlich - zu retten ? Der größte gerade erinnerte Schmerz aus der Kammer der Wunden weist uns den Weg zu dem in diesem Augenblick entscheidenden Seelenvertrag , den wir geschlossen haben, um diesen Schmerz künftig zu vermeiden.

Wir schauen uns diesen Vertrag - meist erstmalig – bewusst an und werden oft genug erstaunt sein, wie sehr diese innere Absprache unser Leben und auch das unserer Nächsten bislang geprägt hat, wie sehr wir sie für „unsere Wahrheit“ , unseren Charakter gehalten haben und wie viel von den Freuden des Lebens wir deshalb versäumt haben.

Zum Beispiel: für mich ist es immer wieder erstaunlich zu erleben, wie schnell ich in fast allen Lebenssituationen in die Verantwortung gehe, weil ich glaubte, die Mutter und die Familie retten zu müssen – und wie viele Gelegenheiten ich damit auch den anderen nehme, sich um ihre Angelegenheiten verantwortlich zu kümmern !

Nachdenklich füge ich an, wie viele Seelenverträge haben wir Frauen auf kollektiver Ebene geschlossen, um der Entwertung durch das Männliche zu entgehen, welches seit Jahrtausenden unsere Kultur bestimmt und damit die Kraft unserer Weiblichkeit geopfert und uns und den Männern die Freude an der gegengeschlechtlichen Spannung genommen ? ! Und wieviel männliche Kraft opfern auch die Männer unserer Zeit und werden zu Softies und Frauenverstehern, um der kollektiven Schuld am Weiblichen nicht begegnen zu müssen, was allein die Heilung der Kräfte beider einleiten könnte !

Im Laufe unseres Heilungsweges werden wir uns Schritt für Schritt durch dieses Archiv arbeiten, wann immer uns ein Schmerz dazu veranlasst.

Der vierte Schritt ist die Arbeit an diesen Seelenverträgen: wir dürfen sie, Vertrag für Vertrag, umschreiben, neu aushandeln.

Seelenverträge werden mit der gleichen Energie umgewandelt, mit der sie entstanden sind.

Frage dich: was war es für eine Liebe, die dich diesen Seelenvertrag hat schreiben lassen ? Um was könnte es dir damals gegangen sein ? Wen wolltest du retten, heilen ?

Versuche dich, mit dieser Liebe von damals zu verbinden. Was hast du damals geopfert ? Verbinde dich mit diesem Teil Deiner Seele, den du damals geopfert hast, der möglicherweise zurück geblieben ist und dir fremd geworden ist. Suche ihn auf und frage ihn, wie es ihm ergangen ist und wie es ihm jetzt ergeht, wenn du ihn bittest, wieder mit dir zu gehen. Frage ihn, was er braucht von dir, damit er dir vertrauen kann und wieder mit dir leben kann und du nicht auf ihn verzichten musst und du in Zukunft die ganze Kraft zur Verfügung hast. Hab Vertrauen, dass die Liebe für die anderen und die Liebe für dich sich nicht aus- sondern einschließen. Hab Vertrauen, dass es eine große Ordnung gibt, in der alle Schicksale aufgehoben sind, alle Wege ihren Sinn haben und du die Aufgabe der Liebe, der Selbstfürsorge, der Dankbarkeit gegenüber dem Leben hast, nicht jedoch die Aufgabe zu retten, wie einst das Kind in seiner Verunsicherung und in seinen Allmachtsphantasien geglaubt hat. Finde ein Bild dafür, in dem ihr alle und alles Platz hat.

Seelenverträge, die aus der äußeren Not entstanden sind, können nur mit tiefem Verständnis der damaligen Not anerkannt werden und dann, mit der gleichen wachen Energie, die die Not bemerkte, sollte das Ende der Not und die neue Lebenssituation bemerkt und anerkannt werden, in der der alte Vertrag keinen Platz und Sinn mehr findet.

Etwas Neues ist gebraucht, was dem eigenen Leben jetzt die Freiheit erlaubt , nach der es schon lange schreit. Seelenverträge, die aus Liebe für unsre Nächsten entstanden sind, den Eltern, Geschwistern oder anderen gegenüber, sind nur mit der Liebe umzuschreiben, mit der sie einst geschrieben wurden. Die Liebe für unsere Liebsten ist dieselbe, das Neue ist die Erkenntnis, dass ein jeder seine Verantwortung und innere Führung besitzt, ihm diese – und damit seine Würde - zurück zu geben, Verantwortung für das Eigene zu nehmen, es zu hegen und zu gestalten ist der eigentliche Auftrag im Sinn der Liebe.

Unsere Konvention will uns glauben machen, es gibt oft nur ein Entweder ( du ) - Oder (ich ), die Gesetze der Liebe sagen, der Königsweg ist das Sowohl – Als auch: wir dürfen mit den anderen leben und gedeihen mit unserem Schicksal, so, wie es gegeben ist, nicht auf Kosten der anderen, die anderen nicht auf unsere Kosten. Das bringt nur Schuldbelastungen, an denen schwer getragen wird.

Beispiele: - Weil meine Zwillingsschwester als Säugling gestorben ist, habe ich mir auch das Leben versagt, jetzt kann ich die gleiche Liebe an die Schwester richten, sie würdigen, ihr vielleicht danken, dass sie mir so viel Platz gemacht hat und ihr ihren Weg lassen und meinen eigenen gehen. 

Ich kann sagen, ich habe aus Liebe zu dir, meine Mutter, mich ein Leben lang um deine Söhne gekümmert und es so gut gemacht, wie ich konnte. Meine Liebe zu dir bleibt dieselbe, ich habe jedoch erkannt, dass es mich krank macht und die Brüder entmündigt hat. Ich weiß, du hast das Beste gewollt, wie du es verstanden hast,; ich versuche nun das Beste, wie ich es verstehe: alle, auch ich, brauchen Raum zu leben. Mich macht immer noch traurig, dass Du gar nicht daran gedacht hast, welche Last mir das aufbürdet, aber ich weiß auch, meine Existenz hat dir diese schwierige Ehe aufgebürdet und du hast es so verstanden, dass man den Männern keine Eigenverantwortung zutrauen kann. Ich will etwas Neues versuchen, einen Platz finden, an dem ich heil werden kann und mich am Leben, das du mir gegeben hast, erfreuen kann. Meine Liebe zu dir bleibt die gleiche ( oder: braucht eine Pause ) und mein Vertrauen, dass die Brüder ihr Schicksal verantworten, gibt ihnen die Würde zurück.

Wir Menschen, besonders wir westliche Menschen, sind offenbar so gemacht, dass wir den Schmerz vermeiden wollen und nach Sicherungsmechanismen suchen. Wir wollen unser Dasein in den Griff bekommen und alle Vorerfahrungen, die uns gezeigt haben, dass es so nicht funktioniert, scheinen uns daran nicht zu hindern. So werden wir immer wieder Konzepte machen, wie eine Situation, ein Mensch nun mal ist oder zu sein hat und wie wir damit umgehen können, dies hat sich mit immer stärkerer Bewusstwerdung und Individualisierung in einer immer weniger vordefinierten Welt offensichtlich verstärkt. So werden wir immer weiter Seelenverträge schreiben, doch keine sind so wirksam wie diese ganz frühen, die noch aus der unermesslichen Liebe und dem überhöhten Glauben an unsere Wirksamkeit und Allmacht in unserer Kindheit entstanden sind, was für unsere Entwicklung unabdingbar und ebenso wunderbar ist wie tückisch.

Es mag helfen: wenn wir den Blick zurück werden, wenn wir unsere alten Seelenverträge liebevoll verstehen aus der damaligen Situation heraus, wenn wir sie immer wieder neu aushandeln unter den „Vertragspartnern“ die da sind die Sehnsucht nach Sicherheit und Vorhersagbarkeit und ( nicht oder ! ) die Freude am lebendigen und unvorhersagbaren Leben.