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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Bewusstseinshaus

Das Haus des Bewusstseins

Mechthild Hammacher 2012/2013

Nach all den Jahren, die ich mit dem Thema des Menschseins und des Miteinanders verbracht habe, denke ich darüber nach, welches Bild meine Erfahrungen beschreiben könnte.

Ich stelle mir vor, es gibt da so etwas wie ein Haus des Bewusstseins, in dem die Menschen ( mit ihrem Bewusstsein von sich und der Welt ) wohnen und von wo aus sie in die Welt treten, auf die Straße des Lebens sozusagen.

Dieses Haus hat mehrere Stockwerke und je wacher unser Bewusstsein wird, umso mehr Stockwerke werden uns vertraut. Solange ich im Erdgeschoss wohne, weiß ich nicht, dass es einen ersten, einen zweiten Stock gibt und die Leute, die von dort kommen, kommen mir seltsam vor. Die Leute aus den höheren Stockwerken können alle unteren Stockwerke betreten und die Lebensweise dieser Ebenen verstehen und darauf eingehen, denn sie haben sie alle durchlaufen und brauchen diese niederen Stockwerke, gerade das Erdgeschoss, da nur von dort der Schritt nach draußen ins Leben gemacht werden kann.

Also, es gibt in diesem Haus kein Wissen über das, was über mir passiert, wohl aber Wissen und Anteil an dem, was auf meiner Ebene und unter mir passiert.

Da gibt es zunächst mal das Erdgeschoss, dort wohnt unser Alltagsbewusstsein, mit dem wir den Tag bewältigen. Dort wohnen auch die Vorstellungen und Normen, wie denn unser Alltag, unser Leben geschehen sollte, wann wir es für gut befinden und wann nicht – also die Konventionen des Kollektivs. Dazu gehört in der jetzigen Welt die Frage, wie bin ich erfolgreich ? Wie mache ich einen guten Eindruck ? Was tut man und was tut man nicht ? Wen akzeptiere, wen verachte ich ?.... : es geht um Bewertungen. Und weil alle diese Konventionen uns abverlangen, eine ganze Menge von unseren Bedürfnissen ( die lustvollen, die aggressiven ) weg zu drängen,

gibt’s da noch den Keller, da sind alle die Schatten, die „Leichen“ eingesperrt und solange wir nur das Leben im Erdgeschoss kennen, werden wir tunlich diesen Keller meiden, ihn nur als Abfallstätte für unsere nicht erwünschten Impulse benutzen, ihn aber nicht betreten.

Diesen Mut finden wir erst, wenn wir einen Zugang finden zum ersten Stock, dieses „Aufsteigen“ gibt uns Abstand und einen Draufblick auf das, was da unten im Erdgeschoss geschieht und was im Keller verborgen ist, sodass wir erkennen und verändern können und nicht mehr einen schönen Schein als unsere erwünschte und erwartete Wirklichkeit krampfhaft erhalten müssen.

Denn dieses Erdgeschoss als das Zuhause unseres Ego-bewusstseins oder anders gesagt unseres mentalen Konstrukts, wie wir sind oder gern sein wollen oder eigentlich sein sollten, ist in keiner Weise interessiert am Wissen über weitere Stockwerke. Es beansprucht für sich, die Wahrheit zu sein und die Macht zu haben über unsere Lebensgestaltung. Wenn uns weitere Stockwerke zugänglich werden, wird sich dieses Erdgeschossbewusstsein immer wieder einmischen und uns die neuen Erkenntnisse ausreden, mit Tricks gegen neue Lebensweisen angehen und versuchen, diese neuen Wege zu unterminieren, da sie seine Machtposition so sehr relativieren. Wir brauchen dieses Erdgeschoss, um uns in der Welt bewegen zu können, jedoch es ist nicht mehr als die äußere Schale, manchmal beschrieben als unser Ego-Bewusstsein, es ist nicht die ganze Wahrheit des Menschseins. Das Thema des Erdgeschoss ist der Alltag und die Konvention,

das Thema des ersten Stockes ist die verständnisvolle Betrachtung oder Beobachtung dessen, was da im Alltag geschieht, es ist quasi das Stockwerk der Psychologie. Häufig gelangt man in dieses Stockwerk, weil ein Schatten aus dem Keller sich so sehr bemerkbar macht und keine Ruhe gibt, etwa ausgelöst durch ein äußeres Ereignis: ich werde verlassen, werde krank, werde enttäuscht.... und muss sehen, irgendwie habe ich mich getäuscht in meiner Vorstellung vom Leben, von Sicherheiten, das Erdgeschoss reicht nicht mehr und ich muss nun alte Konzepte über Bord werfen und mich dem Schatten aus dem Keller zuwenden, der Wut, der Sehnsucht nach Liebe, der Angst und Verunsicherung.....und „von oben“ drauf schauen, um zu verstehen, wie es zu all dem gekommen ist – und da bin ich im ersten Stock !

In diesem Stockwerk wird viel gedacht, gefühlt, gearbeitet – manchmal voller Anstrengung, voller Schmerz und oft auch mit Freude, so viel zu verstehen, immer mehr Schatten aus dem Keller zu befreien und als neue Kräfte zu sich zu nehmen und zu leben und dabei zu bemerken, sie sind nicht so wild und furchtbar, wie ich gedacht habe, diese vitalen Impulse, sie wollen nur ihren Platz.

Themen dort sind etwa: was ist mir in meiner Familie als Kind widerfahren ? Welches sind die Werte und Normen meiner Familie, die ich fraglos übernommen habe ? Was ist mein ureigenes Temperament und wie kann ich es leben ? Welche Missverständnisse habe ich mein Leben lang mit mir rum getragen über mich, über das Wollen meiner Eltern und auch meiner Vorfahren, welche Vorstellungen über mein Leben und die anderen habe ich fest geschrieben und kann sie nun gehen lassen ?......

Es ist ein lebendiges und spannendes Leben in diesem Stockwerk, der zündende Impuls ist der Glaube und auch die Erfahrung, ich kann mein Bewusstsein ändern ! Und das beginnt,wenn ich mich mir mit Liebe zuwende und versuche zu verstehen: ich lerne mich zu akzeptieren, so wie ich bin. Irgendwann ist diese Arbeit einigermaßen getan. Das Leben läuft leichter, erfüllter..... doch was nun ?

Es gibt so viele Dinge, die ich nicht ändern kann ! Es gibt weiterhin den Schmerz, den Tod, die Ausweglosigkeit, die Angst, die Sehnsucht ....... nach was ?

Diese Frage, diese Suche bringt mich, wenn sie mich richtig verzweifelt macht, in das zweite Stockwerk: das Stockwerk der spirituellen Suche. Es stellt sich die Frage, worum geht es eigentlich in diesem menschlichen Leben nochmal ganz neu und grundsätzlich: die Suche nach einer großen Ordnung, der Beginn des Verstehens, dass alles genau so sein darf und soll, wie es ist und alles mit allem zusammen hängt, das „Einheitsbewusstsein“, das sind hier die Themen. Der Verstand und die Emotionen, die noch im ersten Stock so wichtige Handwerkszeuge waren, rücken hier in den Hintergrund.

Unten im ersten Stock war es lebendig, hier ist es still. Hier übt man sich weniger in der Erkenntnis als in der Hingabe und dem Vertrauen, dass da etwas ist, was uns hält was uns Sinn und einen Platz gibt.

Man „weiß“ nicht mehr und trachtet auch nicht zu wissen, man „lauscht“. Man könnte sagen, es geht um Sinnsuche, Suche nach der Großen Ordnung, die alles zusammen hält und die manche Gott nennen.

Und es gibt den wunderbaren Ausspruch: Wenn Du einen Schritt auf „Gott“ zu machst, macht er 10 Schritte auf Dich zu. Oder „ Jahrelang habe ich den Schlüsel gesucht, doch die Tür stand immer offen“

Dieser erste Schritt, der aus dem freien Willen heraus führt in die Öffnung für eine größere Ordnung, in der ich kleiner Teil eines wunderbaren Gefüges bin, das ist der wesentliche Zugang zu diesem Stockwerk.

Das sind die Stockwerke, um die ich weiß. Ich ahne, über dem zweiten gibt es noch mehr Stockwerke, irgendwie geht es dort wohl um die immer größere Verschmelzung mit dem Geist allen Seins oder wie immer wir das nennen wollen. Manchmal wird man für einen Augenblick dort mit hin genommen und kann es nicht fassen – ich zumindest nicht. Doch die Ahnung ist da. Mit meiner Erfahrung kann ich nur ein begrenztes Haus betrachten, ich weiß aber, es gibt noch ganz andere Zugänge als den meinen, die Erde bewusst mit dem Himmel zu verbinden – denn darum scheint es ja bei dieser Veranstaltung, die sich menschliches Leben nennt, wohl zu gehen – etwa die Menschen, die sich mit Erdheilung befassen, die Schamanen....

Wenn ich an solche Wege denke, dann erweitert sich mein Bild vom Haus in ein verschachteltes Haus, wo wie ein Hundertwasser-Haus vielleicht, wo es auch wunderbare Gärten und Ritualplätze gibt, die von den Menschen bewusst gestaltet und belebt werden um den Geist der oberen Stockwerke in unser Dasein zu bringen. Zu diesen Bereichen gehe ich gerne zu Besuch, sie sind jedoch bislang nicht meine Heimat.

Mein Leben in diesem Haus

Ich lebe gern in diesem Haus. Meine Welt ist der Bereich bis zum zweiten Stockwerk. Das Erdgeschoss fällt mir manchmal ein bisschen schwer, dann macht es auch wieder Spaß. Ein Zuhause ist es nie so recht gewesen. Lange Jahre war ich zu Hause im ersten Stock. Es waren gute und lebendige Zeiten. Doch seit einiger Zeit zieht es mich in den zweiten Stock, dort habe ich das Gefühl, wirklich sein zu wollen und es auskosten zu wollen, bis auch das sich wieder wandeln will. Und ich hoffe sehr, nicht irgendwelche Schatten im Keller vergessen zu haben, doch wenn sie sich melden, muss ich nochmal einen Durchgang machen von ganz unten über Erdgeschoss und den ersten Stock.

Mein Leben mit den Menschen

In meiner Arbeit treffe ich Menschen aller Stockwerke, in denen ich mich auskenne ( mehr kann ich mit meinem Bewusstsein nicht erfassen, selbst wenn es mir begegnet). Das trainiert mich, mit allen Stockwerken, die mir zugänglich sind, vertraut zu bleiben. Mein Anliegen ist, dass die Menschen das akzeptieren und annehmen können, was gerade für sie sichtbar ist, damit es zunächst sein darf und sich wandeln mag, wenn die Zeit reif ist und manchmal kann ich jemanden mitnehmen in ein höheres Stockwerk, um wenigstens mal einen Blick hinein zu werfen. Und ganz manchmal versuche ich diesen Weg und es zeigt sich, der Mensch kennt sich wunderbar aus in dem nächsthöheren Stock und hat es noch gar nicht so recht gewusst.

Mit meinen Freunden und Mitmenschen im Alltag wünsche ich mir natürlich Begegnungen im ersten und vor allem im zweiten Stockwerk.

Das gelingt mit den Kindern, auch wenn die es noch gar nicht wissen. Das ist wunderbar ! So begegne ich Menschen, die sind gerade voller Begeisterung beschäftigt im 1. Stock. Das ist eine große Entdeckung für sie ! Manchmal gelingt es mir, sie in den zweiten Stock einzuladen, das ist schön, doch dann müssen sie ganz schnell wieder runter und im ersten Stock weiter arbeiten, vielleicht auch an einem Impuls, den wir gemeinsam entdeckt haben.

Ich liebe ihre Begeisterung und ich sehne mich manchmal, sie mögen auch mein Lauschen im zweiten Stock teilen. Es ist ( noch ) nicht dran.

In meiner Welt treffe ich manchmal auf Menschen, die halten sich gern auf im zweiten Stock. Wir können dann Stille und Nähe teilen. Das hat dann ganz schnell ein Ende, wenn widrige Tagesereignisse einbrechen.

Wer seine Arbeit im ersten Stock nicht besonders gründlich gemacht hat und nicht Frieden geschlossen hat mit sich und seinem Leben, empfindet schnell die Dinge des Lebens widrig, ist im Hader verstrickt, dass die Dinge nicht nach den Erwartungen ( Erdgeschoss ) laufen; dahin will ich oft nicht folgen.

Bei all diesen Begegnungen im Bewusstseinshaus erlebe ich manchmal große Nähe und Freude und manchmal da, wo die Begegnung nicht recht gelingen will, einen Impuls, nochmal zu schauen, wo ich noch nicht recht aufgeräumt und geklärt habe oder aber nicht folgen will auf den Stockwerk, den mein Gegenüber mir hier und jetzt anbieten kann.

So bleibt der Aufenthalt in diesem Haus lebendig und umso mehr, als er von Liebe ( zu sich selbst und anderen ) und Kraft und Freude, sich in dieses Abenteuer einzubringen getragen ist.

Anregungen zum Leben in diesem Haus

Wir sollten das Leben in den jeweiligen Stockwerken nicht bewerten als besser oder schlechter, jedes Stockwerk hat seinen Sinn und seinen Platz in unserem Leben und der Weg zu den anderen führt immer durch das Erdgeschoss, vorbei am Kellereingang zur Haustür hinaus. Und jeder Mensch schafft sich sein ganz eigenes Haus nach seinem aktuellen Bewusstsein; diese Betrachtung sind nicht Wahrheit sondern Hinweis, wie und wohin man schauen kann.

Ein Hinweis liegt mir am Herzen: es lebt sich umso leichter, umso mehr die Auf- und Abgänge zwischen den Stockwerken zugänglich und leichtgängig sind und im Bewusstsein sind als Möglichkeit des Weges, egal, wo ich mich gerade befinde. Feststecken in einer Ebene macht Kummer und Enge, sich bewegen befreit und macht im Ende froh.

Ich hab einen Geheimtip für diesen Weg zwischen den Ebenen: es wirkt wie ein gemächlich fahrender Paternoster oder Aufzug – ich könnte ihn mir fast angebracht an der Außenseite des Hauses vorstellen - , wenn wir uns in die Präsenz des jeweiligen Augenblicks begeben, ganz wach und beobachtend wahrnehmen, was ist, egal auf welchem Stockwerk. In dieser Stille kann unser Geist frei wandern auf der Ebene und zwischen den Ebenen, und staunen. Das fühlt sich nach lebendigem Leben an, denn – wie Eckhard Tolle sagt – im Leben geht es nicht um Ergebnis und Erkenntnis, sondern um das Erkennen, um diesen Prozess, er uns wach macht und verbindet mit allem, was um uns herum ist.

Dann wird es immer leichter !