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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Angst

Angst

Mechthild Hammacher, 2015

Es war einmal eine junge Kriegerin. Ihr Lehrer befahl ihr, in den Kampf gegen die Angst zu ziehen. Sie wollte nicht: Kampf schien ihr zu aggressiv, er machte ihr Angst, er schien ihr unfreundlich. Ihr Lehrer aber bestand darauf und gab ihr Anweisungen für die Schlacht. Der Tag des Kampfes kam. Die junge Kriegerin stand auf der einen Seite, die Angst auf der anderen. Die Kriegerin fühlte sich sehr klein. Die Angst wirkte sehr groß und zornig. Beide hatten ihre Waffen. Die junge Kriegerin riss sich zusammen und schritt auf die Angst zu, warf sich dreimal auf den Boden und fragte: darf ich um Erlaubnis bitten, mit dir zu kämpfen ?

Die Angst erwiderte: vielen Dank, dass du so viel Respekt vor mir hast, dass du mich um Erlaubnis bittest. Die junge Kriegerin fragte weiter: Wie kann ich dich schlagen ? Die Angst entgegnete; ich kämpfe, indem ich schnell rede und sehr nahe an dich heran komme. Dann verlierst du vollkommen die Kontrolle über dich und tust, was ich dir sage.

Tust du nicht was ich dir sage, habe ich keine Macht über dich.

Auf diese Weise lernte die Kriegerin, sich nicht von der Angst besiegen zu lassen.

So funktioniert die Sache tatsächlich. Man muss einen gewissen Respekt vor dem Bammel haben, ein gewisses Verständnis dafür, dass unsere Emotionen die Kraft haben, uns im Kreis herum zu hetzen. Dieses Verständnis hilft uns zu entdecken, auf welche Weise wir unseren Schmerz vermehren, wie wir unsere Verwirrung vergrößern, auf welche Weise wir uns selbst Schaden zufügen. Weil wir aber eine grundlegende Gutheit besitzen, grundlegende Weisheit und grundlegende Intelligenz, können wir aufhören, uns selbst und den anderen zu schaden.

( Pema Chödrön in „Den Sprung wagen“ )

 

Wenn wir diese furchtbaren Ängste haben, von solch einer Panikattacke angefallen werden, überflutet von Eindrücken, die alle nur bedrohlich erscheinen und uns den Boden unter den Füßen weg ziehen und unser Körper spielt verrückt, dann wissen wir zugleich genau, es gibt keinen Anlass, nicht hier und jetzt….und dieses Wissen nützt uns nichts !

Was geschieht da ? Woher kommt das ?

Angst gehört zum Leben. Wir brauchen sie für unser biologisches Überleben. Im Laufe unseres jungen Lebens lernen wir Gefahren einzuschätzen, Gefahren von außen und auch Gefahren, die unser Selbstbild und unsere Lebensziele bedrohen. Letzteres ist oftmals Ursache für unsere Panikattacken.

Es ist etwa so: als junger Mensch nehmen wir uns Ziele vor, mit denen wir die Anerkennung von uns, unseren Eltern und unserer Umwelt erhoffen können; darauf hin arbeiten wir. Wenn diese Lebensperspektiven zu unseren Gefühlswelten und Fähigkeiten gut passen und wir bereit sind, sie immer wieder neu an die Lebenswirklichkeit anzupassen, dann kann es ganz gut laufen.

Es geht nicht gut aus, wenn wir unsere Fähigkeiten und noch mehr unsere Gefühle und Bedürfnisse nicht einbeziehen als wesentliche Arbeitsmaterialien, die wir neben dem Wollen und Streben für unsere Ziele haben. Es geht nicht gut aus, wenn wir die Gesetze des Lebens und vor allem seine schweren Seiten und unsere Sterblichkeit einfach nicht wahrhaben wollen.

Wir leben in einer Kultur, in der man glaubt, wenn man etwas will und sich anstrengt, dann wird man alle Widrigkeiten unter Kontrolle bringen und seine Ziele erreichen. Dass das Leben auch Schwächen, Ängste ( ! ), Krankheiten, Unglücke, Prüfungen vorsieht, ist dabei nicht bedacht oder das haben nur die anderen, die sich eben nicht genug anstrengen. Dieses Weltbild mag zu allerlei Erfolgen führen, es wird an irgendeinem Punkt jedoch auch zum Einbruch führen, wenn wir unsere Zartheit, Brüchigkeit, Bedürftigkeit, Endlichkeit, all diese Eigenarten des menschlichen Lebens nicht einbeziehen wollen.

In einem Bild stelle ich mir vor, da gibt es eine große Person, ein vernünftiger Erwachsener, der hat Willen und Ziele und setzt alles ein, um zum Erfolg zu kommen. Neben ihm lebt immer eine kleine Person, ein inneres Kind, das will einfach leben, lachen und weinen und vor allem fühlen und angenommen werden. Es will mit auf dem Lebensweg.

Wenn wir es nicht beachten zugunsten des Weges des Erfolgs oder der Anerkennung…. dann wird es tun, was Kinder in so einem Fall tun: es wird sich melden, wird stören. Zuerst zaghaft und dann immer lauter. Wenn es ganz lange nicht gehört wurde, dann wird es zu einem letzten Mittel greifen, etwa der Depression oder eben der Angst ! Todesangst ! Es hat das Gefühl, nie berücksichtigt zu werden, sterben zu sollen oder zu müssen ! Und dann kann der erfolgreiche Erwachsene nicht mehr umhin, er muss sich kümmern !

In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass von solchen Panikattacken Menschen angefallen werden, die ganz besonders erfolgreich und perfekt sein wollen, die alles unter ihre Kontrolle bringen wollen, auch ( junge ) Menschen mit Migrationshintergrund sind sehr anfällig, wenn sie sich sehr anstrengen, um mitzuhalten und in dieser westlichen Leistungswelt anzukommen.

Ein schreckliches Ereignis, ein Trauma oder auch ein unbewusstes, langsam anwachsendes Erkennen, dass es so nicht weiter gehen kann, weil die eigenen Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden, kann das alte Lebensmuster brechen und die Panik ( des inneren Kindes ) ist da und schreit nach neuen Wegen. Die Welt des Fühlens, des Sicheinlassens, des Staunens….die Welt des inneren Kindes war in den Schattenbereich geraten und wird sich verkleidet zurück melden: als Angstdämonen, könnte man sagen. Hinter dieser Dämonenverkleidung steckt noch die Sehnsucht, Raum zu bekommen für das Fühlen, das Zarte und Brüchige des Menschseins, was die Liebe erst möglich macht und aktiviert, will wahrgenommen werden, doch es muss erlöst werden und dazu müssen die Angstdämonen erst einmal besiegt werden. Und weil sie sich schon genüsslich niedergelassen haben und breit gemacht, werden sie nicht so einfach gehen ! Wir müssen wach werden !

Wir erkennen: diese Angst ist entstanden aus persönlichen Wertvorstellungen: damit ich etwas wert bin, muss ich so und so sein, muss ich mich anstrengen und darf niemandem nein sagen oder, nach einer traumatischen Erfahrung, etwa einem Sturz, glaube ich, immer wenn ich in eine vergleichbare Situation komme, werde ich wieder stürzen… Es sind nur Gedanken und Fantasien, die uns – meist sind sie unbewusst - in diese schrecklichen Ängste stürzen. Es ist nicht die wirkliche Gefahr

( interessanterweise werden wir dann, wenn eine wirkliche Gefahr auftaucht, beherzt und besonnen agieren, weil dann unsere biologische Weisheit den Angstdämon überholt ), ich kann mich umschauen und mich vergewissern: nichts ist jetzt bedrohlich ! Den Angstdämonen ist das egal, sie fahren das gesamte Programm ab, sie liefern uns dem ganzen Horror aus und orientieren sich nicht an der ( ungefährlichen ) Wirklichkeit.

Das müssen wir wieder lernen: wir sind nicht die Angst, sondern wir haben sie. Da ist jemand in uns, der das beobachten kann. Den Beobachter in sich erwecken ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt: Wenn wir das erkannt haben, dann nehmen wir, wie die kleine Kriegerin, allen Mut zusammen und sagen zu den Angstdämonen, o.k., ihr seid da, ich kenne euch ! aber ich bin auch da !

Der Weg aus der Angst ist zunächst der Weg in die Angst hinein, ich kämpfe nicht mehr gegen ihre Existenz, ich stelle mich ihr ! Sie ist wie ein Taifun, in den ich hinein geraten bin. Dagegen an zu kämpfen nützt nichts, wenn mich bewusst und wach in den Strudel gebe, komme ich in der Mitte an, „im Auge des Taifuns“ und wie wir wissen, ist dort Stille, Frieden – und der Sturm legt sich.

Der Weg aus der Panik ist letztendlich der Weg zurück zu uns selbst, zu dem Ort in uns, dem Herzen, wo wir ganz bei uns sind, wollen und planen und fühlen und lieben und leiden ... und uns unserer Endlichkeit bewusst sind und dieses kostbare Leben wagen und auskosten mit allem, was es uns bietet, auch wenn es sich stetig verändert und irgendwann endet.

Das ist erst einmal alles !

Und dann gibt’s da noch Tricks, dieses: ich bin auch da ! durchzuhalten,

- indem wir unseren Atem kontrollieren und vor allem tief in den Bauch atmen und ganz bewusst ausatmen, vielleicht auch die Atemzüge zählen,

- indem wir uns umschauen, wo wir sind und dieser Wahrnehmung Bedeutung geben, „uns in der Wirklichkeit verankern“ sagen die Therapeuten,

- indem wir raus gehen in Wind und Wetter und spüren, dass wir noch da sind und leben,

- indem wir uns die Horrorfantasien ausmalen: was stelle ich mir eigentlich vor, was passieren würde…. und die dann mit unserem Verstand überprüfen: ist das realistisch ?

- indem wir mit anderen Angstgeschüttelten z.B, über  www. Deutsche Angstselbsthilfe.de  Kontakt aufnehmen.

 ...und wenn es gut läuft, dann wird die Angst uns begleiten und immer mal wieder vorsprechen und wir werden sie ernst nehmen, ohne uns tyrannisieren zu lassen, wir werden begreifen, dass unser Wollen und unsere Erfolge ganz schön und angenehm sind, aber mindestens ebenso schön ist, liebevoll und weich mit sich umzugehen, etwa die Erwartungen der anderen nicht zu erfüllen, wenn es uns nicht gut tut oder gar unsere ureigenen Bedürfnisse verrät - uns zu lieben, so wie wir eben gemacht sind und zu fühlen, was wir eben fühlen, ohne Beurteilung.</www.>

Dann schwimmen wir im Fluss des Lebens, dann sind wir auch ein klares. ehrliches Gegenüber für unsere Mitmenschen und sorgen ein wenig für angstfreie, liebevolle Klarheit in der Welt. Es ist ein neues Wagnis, die eigenen Gefühle einfach zuzulassen, sie gehören zu uns und zum Menschsein. Keines wird uns umbringen, die meisten – außer der Liebe – sind noch nicht einmal besonders wichtig, doch die, die wir nicht haben wollen, werden, wenn wir sie immer wieder weg drängen, irgendwann als Dämonen zurück kommen...und dann fangen wir wieder an mit Schritt 1: die Gedanken und Vorstellungen hinter dem Dämon zu erfassen und Schritt 2 uns den Dämonen klar und tapfer entgegen zu stellen mit den bewährten Tricks.</www.>

 

Milarepa, ein buddhistischer Heiliger aus dem 11. Jahrhundert, lebte ganz allein in einer Höhle für viele Jahre und meditierte dort. Er lebte nur von Grünzeug, sodass man von ihm sagt, sein Körper sei ganz grün gewesen und er hörte nie auf zu meditieren.

„Eines Abends kam Milarepa vom Brennholzsammeln in seine Höhle zurück und entdeckte, dass sie voller Dämonen war. Sie kochten sein Essen, lasen seine Bücher und schliefen in seinem Bett. Sie hatten den Laden übernommen. Und obwohl er das Gefühl hatte, dass sie nur die ganzen unerwünschten Anteile seines Selbst waren, wusste er nicht, wie er sie loswerden sollte.

 Also lehrte er sie zunächst die Meditation, er saß auf einem Sitz, der etwas höher war als der ihre und erzählte ihnen von Mitgefühl und grundlegender Güte...aber nichts passierte. Die Dämonen waren immer noch da. Dann verlor er die Geduld, wurde wütend und stürzte sich auf sie. Sie lachten ihn aus. Schließlich gab er auf und setzte sich auf den Boden und sagte: „ich werde nicht weggehen und es sieht so aus, als würdet ihr auch nicht weggehen. Dann werden wir eben zusammen leben !“ Darauf verschwanden alle Dämonen bis auf einen. Milarepa sagte, dieser ist wohl besonders bösartig. ( Den kennt jeder, wir haben alle mindestens einen solchen. ) Er wusste nicht, was er tun sollte. Also gab er noch mehr auf. Er ging zu dem Dämon, legte sich in sein Maul und sagte“ Friss mich ruhig auf, wenn du willst.“ Da verschwand auch der Dämon.

Die Quintessenz der Geschichte ist, dass, wenn man den Widerstand aufgibt, auch die Dämonen verschwinden.“

 Pema Chödrön: „Beginne wo du bist“