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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Ablösung - Eltern, Kinder

Ablösung – Eltern, Kinder

Mechthild Hammacher 2016

Mark Twain:“ Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend ! Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wie viel er in sieben Jahren dazu gelernt hatte.“

 

Ablösung der Kinder von den Eltern

Der Schock, der sich in der Pubertät zumeist aufbaut, ist der zu erkennen, wie mittelmäßig ( oder noch geringer ) die Eltern eigentlich sind und welche unfassbaren und unbegrenzten Möglichkeiten vor dir als jungem Menschen liegen. Davon haben die Alten keine Ahnung !

Die Welt liegt offen vor dir : Ich wünsche jedem, dieses Gefühl in der Jugend einmal durchlebt zu haben. Ich wünsche jedem jungen Menschen den Mut, das Leben auszuprobieren und sich dabei von der Neugier leiten zu lassen ( ein wenig Vernunft kann dabei natürlich auch nicht schaden ) und sich nicht von der – vergeblichen - Suche nach dem einzig richtigen Weg blockieren zu lassen.

Das Leben will gelebt sein ! Mit allen Sinnen !

Und das Leben der neuen Generation ist ein neuer Schritt in der Menschheitsgeschichte und kann sich nur bedingt orientieren an dem, was die Eltern für richtig befunden haben. Wir erfinden die Welt irgendwie auch immer wieder neu. Und ein jeder von euch hat einen ganz eigenen Weg in die Welt und zu sich selbst. Dieser Weg wird Stolpersteine haben, ihr werdet Verwundungen davon tragen und möglicherweise erkennen, ich fühle mich nicht gut ausgerüstet.

Welche Beschränkungen haben mir meine Eltern doch auferlegt, welche Botschaften haben sie mir auf den Weg mitgegeben, die mich bestenfalls behindern, schlechtestenfalls beängstigen und verzagen lassen, auf welche Bereiche des Lebens haben sie mich gar nicht vorbereitet ! ?

Ihr dürft zürnen ! Ihr dürft den Schmerz spüren, der euch zugefügt wurde. Daraus erwächst kein Anspruch, jedoch ein Weg der Heilung der Schmerzen und und der Impuls zur Wanderschaft in das ganz Eigene. Ohne den Schmerz würdet ihr wahrscheinlich kleben bleiben.

Bert Hellinger: „Wenn ein Kind den Eltern gegenüber einklagt, das, was ihr mir gegeben habt, war erstens zu wenig und zweitens das Falsche und ihr schuldet mir noch eine Menge, dann kann es nicht von den Eltern nehmen, was diese ihm gegeben haben und es kann sich auch nicht von den Eltern trennen. Wenn es sich trennen würde, würde ja sein Anspruch erlöschen, wenn es nehmen würde, was die Eltern für es hatten, würde es seinen Anspruch entwerten. Der Anspruch bindet es an die Eltern, doch es bekommt nicht. So ist es innig mit den Eltern verbunden, aber so, dass es die Eltern nicht hat und die Eltern haben das Kind auch nicht.

Das Nehmen hat also die seltsame Wirkung, dass es trennt. Nehmen heißt, ich nehme was du mir geschenkt hast, es wird reichen und den Rest mache ich selbst, jetzt lasse ich dich in Frieden. Ich nehme also, was ich bekommen habe und obwohl ich dann von den Eltern weg gehe, habe ich meine Eltern und meine Eltern haben mich. Jeder hat auch etwas ganz eigenes, das nur ihm zugeteilt ist und das er nehmen und entwickeln muss, unabhängig von den Eltern.“

( aus Gunthard Weber: Zweierlei Glück 1997, S. 69 )

Glaubt mir, das Eigene beginnt schon darin, dass wir uns unsere Rolle in unserer Familie selbst aussuchen, ganz früh und unbewusst. Ein jedes Kind bringt das Eigene mit in die Welt, ist hoch sensibel für seine Umwelt und sucht sich gemäß der Möglichkeiten seinen Platz und seine Rolle. Die Entwicklung und Ausprägung eines Kindes geschieht in dem Raum und in der Atmosphäre, den die Eltern und das Umfeld bereit zu stellen in der Lage sind und den die Kinder mit ihrer Eigenart füllen – es ist ein dynamischer Prozess.

Bei Licht betrachtet kommt den Eltern eine außerordentliche Verantwortung zu, vor der sie immer wieder erschrecken. Es gibt nicht den richtigen Weg, jedes Kind braucht anderes und das eine mag Eltern näher und vertrauter sein als das andere - es ist eine Wanderung auf einem Grat – ihr werdet es dann erfahren, wenn ihr selbst Kinder groß zieht. Es ist die größte Mutprobe des Lebens. Kluge Eltern wünschen sich von ihren erwachsenen Kindern nicht, dass sie sie in den Himmel loben, sie wünschen sich, dass sie den Eltern gnädig sein mögen.

 

 Ablösung von den Kindern


Die Sehnsucht der jungen Eltern war einmal, alles richtig zu machen und den Kindern die besten Bedingungen zu geben. Das Leben miteinander über die Jahre lehrt, dass sich diese Sehnsucht nur ganz manchmal erfüllt und wir oft auf der Suche und in der Verzweiflung und dann wieder in der Erleichterung und Freude sind – es ist das pralle Leben auf einem Grat und kaum etwas gibt dem Menschen eine solche Reife, ein solches Geschliffenwerden vom Rohling zum Edelstein, wie das Großziehen von Kindern.

Wenn die Kinder erwachsen sind, sind Eltern oft nicht zufrieden mit dem „Resultat“ . Bei manchem Kind spüren sie die Unvollkommenheiten, seine Mühen den eigenen Weg zu finden. Sie möchten so gerne ihr Werk vollenden und dem erwachsenen Kind die letzten Schwierigkeiten auf dem Weg ins Leben ebnen.

Damit halten wir die erwachsenen Kinder in der Bindung. Das erwachsene Kind nimmt unsere Mühen nicht wahr als Hilfe sondern als unser mangelndes Zutrauen und so nährt sich unbewusst sein Gefühl der Unzulänglichkeit: weil ich es nicht packe, müssen die Eltern mir helfen und ich kann ihre Hilfe nicht annehmen, weil diese meine Unzulänglichkeit beweist…...und ein Kreislauf von Selbstverachtung und Abschottung setzt ein und die Eltern sehen dabei verzweifelt zu.

Wie ist es dazu gekommen ? Und wo ist der Weg aus diesem Hamsterrad ?

Ich gehe zurück zur ursprünglichen Sehnsucht, den Kindern alles zu geben und sie vor Leid zu bewahren. Dies ist richtig für die frühe Kindheit, endet jedoch ziemlich schnell, wenn das Kind ins Leben hinein wächst. Es gibt den Misserfolg, den Schmerz, die Enttäuschung ebenso wie die Freuden des Lebens. Dies muss von den Kindern ebenso durchlebt werden wie von uns Eltern. Wenn wir den Kindern die Illusion lassen, dass alles gut ist und die Eltern für alles zuständig sind, was noch nicht gut ist, dann können sie nicht reifen und erwachsen werden. Auch wenn unser „Werk“ nicht vollkommen ist, so tun wir gut daran, unsere Illusion von einer vollkommenen Welt zu verabschieden und Vertrauen zu haben, dass wir alles gegeben haben, was wir hatten und den Rest werden die Kinder selbst machen, auf ihre Weise inmitten dieser unvollkommenen Welt.

Khalil Gibran:„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und wenn sie auch mit euch sind, so sind sie dennoch nicht euer Besitz. Ihr dürft ihnen eure Liebe schenken, aber nicht eure Gedanken. Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Zuhause geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft und das könnt ihr nicht betreten, nicht einmal in euren Träumen. Ihr dürft bestrebt sein, ihnen zu gleichen, aber versucht nicht, sie euch gleich zu machen. Denn das Leben schreitet nicht rückwärts noch verweilt es im Gestern. Ihr seid der Bogen, von dem eure Kinder wie lebendige Pfeile ausgeschickt werden. Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit und ER ist es, der euch mit Seiner Kraft spannt, damit Seine Pfeile schnell und weit fliegen. Lasst es euch zur Freude geschehen, dass die Hand des Schützen euch spannt; denn wie ER den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er genauso den Bogen, der bleibt.“

  Khalil Gibran: Der Prophet 

Wollen wir unsere ( schwierigen ? ) erwachsenen Kinder auf einen guten Weg schicken, so müssen wir uns heraus lösen aus der Rolle der kontinuierlichen Begleitung und Schmerzbeseitigung. Wir treten ihnen gegenüber und sagen ihnen: ich habe dir alles gegeben, was ich hatte, mehr habe ich nicht. Es mag nicht genug und nicht das richtige sein, doch mehr kann und will ich dir nun nicht mehr geben. Mein Topf ist leer. Und mein eigenes Leben wartet darauf neu zu beginnen. Den Rest machst du selbst und wenn du Hilfe brauchst, so wirst du sie in der Welt finden. Wenn du deinen eigenen Tritt auf dem Weg des Lebens gefunden hast, mag ich wieder einer deiner Ratgeber sein.

Und des nachts, wenn wir nicht schlafen können und uns all diese Sorgen machen, dann machen wir uns klar, wie sehr wir unsere Kinder belasten mit all diesen negativen Gedanken ( die innere Verbindung bleibt und unsere Gedanken wirken ! ) und wir erinnern uns daran, wie oft wir in den Augen dieses Kindes das Licht haben aufblitzen sehen, wir erinnern uns daran, dass in einem jeden das Licht wohnt, was befreit werden will. Und so sitzen wir mitten in der Nacht und nehmen von Herzen Kontakt auf zu dem Licht im Herzen unseres Sohnes, unserer Tochter und verweilen da und wünschen von Herzen, dass das Licht sie führen wird und dass sie die Freuden und Leiden des Lebens werden tragen können und neugierig darauf sind – auch in einer Zeit, die nicht einfach ist –, doch wann hat es je einfache Zeiten gegeben ?

Wir üben uns in diesem Vertrauen auf den eigenen Weg unserer Kinder, wir lassen los und ab und zu schauen wir - ohne die alten Erwartungen - was sich bewegt und wandelt.

 

Der letzte Schritt: Sorge für die alten Eltern

Die Verbindung zwischen Eltern und Kindern ist letztendlich nicht aufzulösen. Sie wird sich stetig wandeln und zugleich immer unser Leben irgendwie prägen.

Lass es ein Tanz sein, mit immer neuen Schrittfolgen, mit Begegnungen und Entfernungen, ein Tanz, der immer wieder neue Formen findet für die zwei menschlichen Triebkräfte, die Eltern wie Kinder erfüllen, nämlich die Sehnsucht nach Wachstum und Selbstentfaltung und die Sehnsucht nach Bindung.

Es gibt kein Regelwerk für den Tanz dieser beiden unterschiedlichen Kräfte, die Richtschnur kann nur das aktuelle Befinden von Eltern und erwachsenen Kindern sein und das immer neue Aushandeln der Tanzschritte und Distanzen.

Der letzte Lebensabschnitt der alten Eltern bringt uns noch einmal neu zusammen und stellt neue Herausforderungen: ein letzter Tanz.

Bert Hellinger: „Kinder sind sehr entlastet, wenn Eltern ihnen zeigen, dass sie auch von ihnen etwas nehmen. Die Kinder nehmen von den Eltern und geben weiter an ihre Kinder und sie geben an die Eltern, wenn diese in Not und alt sind.

Das letzte ist etwas ganz wichtiges für den Abschied: die Eltern können das Kind ziehen lassen, wenn das Kind ihnen versichert, dass es für die Eltern da ist, wenn sie es brauchen.

Viele fürchten, dass das einmal auf sie zu kommt, wenn die Eltern alt sind. Das liegt daran, dass die Kinder sich vorstellen, sie mussten für die Eltern sorgen, wie die Eltern das fordern. Dann sind sie mit Recht auf diese Weise besorgt. Sie müssen den Eltern sagen, wir werden für euch sorgen,wie es richtig ist ( für alle ).

Das ist etwas völlig anderes. Wenn die Kinder sich entschlossen haben, das zu tun, fühlen sie sich gut und frei. Die Dynamik, die dahinter liegt ist folgende: das Kind kann seine Eltern nicht wahrnehmen, wie diese sind. Sobald ein Kind seine Eltern sieht, fühlt es sich als kleines Kind, egal wie alt es tatsächlich ist. Umgekehrt sehen die Eltern ihre Kinder immer als kleine Kinder und fühlen sich entsprechend. Das Kind, das mit der alten Mutter oder dem alten Vater konfrontiert ist, braucht also eine große Anstrengung, dass es sich zur Geltung bringt und nicht als Kind reagiert, sondern als Erwachsener, der das macht, was richtig ist, d.h. was für alle Beteiligten angemessen ist. Dazu ist ein Bewusstseinswandel notwendig. Was richtig ist, lässt sich meistens auch tun.“

( aus Gunthard Weber: Zweierlei Glück, 1997, S 70 )

Die Weisen sagen, dass in diesem letzten Abschnitt vieles bereinigt und geklärt werden kann. Ich wünsche Mut für diesen letzten Tanz, damit wir alle befriedet und wahrhaftig daraus hervorgehen können.