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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Lob des Irrtums

Vom Lob des Irrtums

Mechthild Hammacher  2017

Zugegeben, auch ich irre mich nicht gerne. Sie wahrscheinlich auch nicht. Man würde so gerne alles richtig machen und vor allem auch richtig gemacht haben ! Doch nach einem langen reichhaltigen Leben kommt es mir so vor, dass ich immer dann, wenn ich eingesehen habe, dass ich mich geirrt hatte, die Weichen neu stellen konnte in eine Richtung, die mich freier machte für das, was ich wirklich bin und sein kann.

Zugleich haben Irrtümer einen guten Platz in unserem Leben und sind für gewisse Zeitstecken unabdingbar: hätte ich nicht daran geglaubt, dass ich als Kind die bestmögliche aller Familien hätte, dann hätte ich viel schmerzhafter gemerkt, dass ich in einem Milieu der Angst aufgewachsen bin,so oft nicht verstanden wurde und als kleinste von allen mich verantwortlich für die gute Stimmung gefühlt habe und wäre daran verzweifelt statt gewachsen;

hätte ich nicht daran geglaubt, dass ich die große Liebe gefunden habe, wie viel weniger Kraft und Liebe hätte ich in diese Beziehung gesteckt und wie viele selige Stunden wären mir vorenthalten geblieben;

hätte ich nicht geglaubt, dass Zuwendung und Verständnis alles heilen kann, wie viele Situationen von Nähe und Wandlung hätte das Leben mir dann nicht zeigen können ?!

Fangen wir an, wo alles anfängt:

Die Irrtümer über unsere Eltern


Als wir in diese Welt hinein gewachsen sind, da haben wir geglaubt, unsere Eltern sind allmächtig und können uns alles erfüllen….und wenn das nicht klappte, haben wir danach geschrien. Wie hätten wir auch ohne dieses Bild von den Eltern als kleines hilfloses Menschenkind überleben können ?! Und dann bröckelt dieses Bild – und bringt uns Schritt für Schritt in die eigene Potenz. Spätestens in der Pubertät entdecken wir, dass wir uns in den Eltern gründlich geirrt haben. Nichts von dem scheinen sie einzulösen, was sie vermeintlich versprochen haben – also müssen wir selber ran und uns aufmachen in das Wagnis des Lebens nach unseren eigenen Vorstellungen. Noch glauben wir, wir werden uns nicht irren. Das gibt uns Kraft, und, ja, auch eine gewisse Arroganz. Die scheint das Salz in der Suppe des jungerwachsenen Lebens zu sein, sonst ergibt es keine rechte Kraftbrühe.

Das führt uns zum nächsten Schritt

 Die Irrtümer über unsere Potenziale

Manche von uns glauben am Anfang des Erwachsenenlebens, sie können alles bewältigen, das sind die, die Zugang zur oben erwähnten Kraftbrühe haben, manche glauben auch, sie können dieses ganze Leben gar nicht bewältigen, die haben es nicht vermocht, sich gegenüber dem Irrtum über die Eltern ordentlich aufzulehnen, sondern haben ihn entweder nicht erkannt oder sich dieser Erkenntnis mit Schrecken unterworfen und resigniert und die meisten haben vor allem Vorstellungen über sich und den Platz in der Welt angesammelt, die von außen nahe gelegt werden und manchmal mehr oftmals weniger zu ihren tatsächlichen Potenzialen passen.

Das Leben, so scheint es mir gerade für die erste Lebenshälfte, ist ein Wagnis, ein Ausprobieren sowohl in der Vorstellungswelt ( wer möchte ich sein ? ) als auch in der realen Welt ( was wage ich und was kann ich gut, was weniger gut ? ) , ist eine Enddeckungsreise zu sich und der Welt und verhält sich wie ein Glücksspiel, manche erzielen mehr Treffer und können einen geraden Weg gehen, manche erzielen weniger Treffer und müssen früh lernen zu ertragen, dass sie sich geirrt haben.

„Wer bin ich ?“ ist nicht mit Mitte 20 beantwortet, sondern, wenn es gut läuft, ein lebenslanges Thema.

Und dann kommen:

Die Irrtümer über Liebe und Partnerschaft

Ich kann junge Menschen nur bedauern, die dieses Thema pragmatisch und prosaisch angehen und nicht an die große lebenslange Liebe glauben…...was ist das für eine Erfahrung, bis in jede Zelle verliebt zu sein und sich gewiss zu sein, man wird ein Leben lang so fühlen und zueinander stehen !

Welch ein Feuer !

Und dann kommt es so anders, wir erkennen einander als Menschen mit einer Vielzahl von Bedürfnissen und Verletzlichkeiten und längst nicht alle finden in der Zweisamkeit einen angemessenen Platz. Das kann trennen oder auf einer guten neuen Ebene befrieden.

Und dann geht’s gleich weiter zum nächsten Bündel von Irrtümern:

Die Irrtümer über die eigene Familie


Auch hier denke, es wäre schade, wenn junge Menschen bei der Familiengründung nicht denken, sie können es besser machen als die Eltern: welch ein Potential für Neugier und Wagemut kann darin stecken ! All die Enttäuschungen unseres Kinderlebens wollen wir möglichst nicht wiederholen an unseren eigenen Kindern.

Und dann kommt der Alltag, die Begrenztheit der eigenen Kräfte, die Feststellung, dass gegenüber den Bedürfnissen der Kinder, zumal sie so erstaunlich anders sind als alles, was wir uns hätten vorstellen können, auch die eigenen Bedürfnisse stehen und wir es nicht schaffen können und wollen, nur unserem Familienideal zu dienen und uns selbst darüber zu vergessen. Spätestens, wenn wir daran krank werden oder die Familie zerbricht, merken wir, das Ideal ist nicht lebbar.

Und dann natürlich noch

Die Irrtümer über die Welt


Unsere Eltern, unsere Lehrer und schließlich wir in unserem Sosein und mit unseren Erfahrungen machen uns ein Bild, wie die Welt ist und zu sein hat. Die Welt, das sind die politischen Verhältnisse, die sozialen Strukturen, die Resourcen, die uns vermeintlich zustehen und nicht zuletzt die anderen Menschen und ihr Verhalten. Und anscheinend ist die Welt eine riesige Projektionsfläche für all unsere Vorstellungen und Bedürfnisse, sodass ein jeder im Dialog mit einer eigenen Welt lebt.

Die Welt in dieser Zeit ist so komplex und in einem so heftigen Wandel, dass die meisten unserer Anschauungen darüber nur eine kurze Halbwertzeit haben.

Ich bin mir bei all dem sicher: alle die Erwartungen, die wir in andere Menschen gesetzt haben, sie haben Gutes hervorgebracht: gute Gefühle, gute Momente, auch wenn wir dann irgendwann enttäuscht werden. Wenn ich enttäuscht bin, sagt ein weises Wort, dann habe ich mich zuvor getäuscht. Es geht nicht um die Schuld eines anderen, sondern ich habe gehofft und erwartet aus meinen Sehnsüchten und Vorstellungen heraus und niemand in der Welt ist verpflichtet, diese zu kennen und zu erfüllen. Diesen Paradieszustand haben wir in der Kindheit erhofft, doch wir werden ihn Schritt für Schritt i los lassen müssen. Er ist nicht einlösbar und das ist auch gut so: Wachstum und Reife braucht Herausforderung und Reibung und letztendlich die Anerkennung von Irrtümern bei uns und anderen.

Die ganz große Herausforderung ist, immer wieder einen Schritt zurück zu treten und zu einer Haltung der Liebe und Akzeptanz zurück zu finden zu dem, was wir vorfinden, das kann fast alles heilen. Wir wandeln uns aneinander, miteinander und auseinander und sind zugleich alle aus dem gleichen Stoff gemacht. Ohne Konzepte und Urteile halten wir es nicht aus, uns in der Welt zu orientieren, doch wenn wir unser Herz immer wieder neu befragen, werden wir viele Irrtümer entlarven und uns neu orientieren: wieder eine neue Chance für eine taufrische Weltbetrachtung.

Dann gibt es noch einen ganz pikanten Irrtum:

Der Irrtum über Gott

Ich glaube, über Gott gibt es letztendlich nur Irrtümer. Irgendwie vermögen wir nur, dieses Große Prinzip zu umkreisen, welches manche erahnen oder sogar erfahren und andere verleugnen und es erscheint mir ein neuer und diesmal besonders schwerwiegender Irrtum, es fassen zu können. Wie viel Leid und Tod hat dieser Irrtum in Jahrtausenden über die Menschheit gebracht.

Wann immer du Gott begegnet bist, du konntest und kannst nicht darüber sprechen !

Wie wunderbar ist es, das Herz gegenüber dem Großen Ungewissen zu öffnen ohne je Grenzen zu erreichen und diese Verbindung mit dem großen Himmel und der blühenden Schöpfung zu spüren – und selbst wenn dies auch ein Irrtum sein sollte, so ist es doch einer der erfüllt ist mit Liebe, Zuversicht und Seligkeit.

Warum all diese Irrtümer ?

Wir Menschen in dieser komplizierten Welt und ausgestattet mit diesem westlich elaborierten Verstand machen ständig Konzepte, Raster zur Daseinsbewältigung, aus Angst, sonst im Dschungel des Lebens verloren zu gehen.

Konzepte sind die Ansagen unseres mentalen Navigationssystems, die sind nützlich zur groben Orientierung, jedoch haben sie mit der gelebten Erfahrung nicht sehr viel zu tun. Kennen Sie das nicht auch ? Man plant etwas, einen Urlaub, ein neues Zuhause, eine neue Partnerschaft, um bestimmte Erfahrungen zu machen und im Zweifel wird das Thema dieser Erfahrung ein ganz anderes sein, eines, das wir uns gar nicht hätten ausdenken können.

( Wahrscheinlich würden indigene Völker mit meiner Betrachtung gar nichts anfangen können, da sie sich kaum Konzepte machen, sondern getragen durch Instinkt und einige Rituale das Leben jeden Tag auf sich einströmen lassen. )

Ich erlebe die meisten Irrtümer als wunderbar ( nach dem ersten Schock natürlich und manchmal auch nach großem Schmerz ): nachdem sie mir ganz eigene und neue Erfahrungen ermöglicht haben, die ich ohne sie nie gemacht hätte, wenn ich vermeintlich alles richtig gemacht hätte, z.B. die Liebe, das Abenteuer, die Grenzerfahrung….; sie weisen mir den Weg zu mir selbst, meiner eigenen Mitte und machen mich aufmerksam darauf, dass es einen inneren Kompass gibt, der mir den Weg weisen wird, wenn ich nicht mit meinen vielen Vorstellungen in diesen intuitiven Fluss hinein grätsche…. ( in den härtesten Krisenzeiten, wo jegliches Planen durch Schmerz und Hilflosigkeit lahm gelegt war, habe ich die sicherste Weisung dieses Kompass bekommen ) und sie werden mich zu wunderbaren neuen Erfahrungen und Irrtümern führen, die mein Leben erfüllen und mich zum Fühlen und zum Glänzen bringen.

Es gibt jedoch, das will ich nicht verschweigen, furchtbare Irrtümer: das sind die, wo man durch die feste Überzeugung und entsprechende Handlung andere Menschen wirklich schädigt, durch Missachtung, Ausgrenzung, Verleumdung, durch Veranlassung von unrechten Handlungen aus Angst und Selbstverteidigung, ein jeder von uns wird dafür Beispiele in seinem Leben und Handeln finden und dabei ins Schwitzen kommen, wenn wir es wagen uns gründlich zu erinnern.

Da hilft dann nur den Irrtum anzuerkennen und die Verantwortung für die Handlung zu übernehmen und sich einmal mehr gewiss sein, wie unvollkommen wir Menschen nun einmal gemacht sind, ich ebenso wie die anderen, d.h. nicht nur ich und auch nicht nur die anderen. Und gerade dieser Irrtum wird mich und andere öffnen und weiter bringen, wenn ich mich nicht an die Selbstbeschuldigung fest kette.

Letztendlich geht es um eine Grundsatzentscheidung für unser Leben: will ich – althergebrachte oder neue – Konzepte erfüllen und mir einigermaßen sicher sein, dass ich es „richtig“ gemacht habe oder will ich das Leben kosten und auskosten bis zum letzten Tropfen.

Bei ersterer Version – befürchte ich – muss irgendwann mit Erstarrung und Krankheit gerechnet werden, angesichts des sicheren Todes kann es letztendlich nur Verbitterung geben, denn was soll vor dieser Gewissheit all der Erfolg und die Rechtschaffenheit noch nützen ?

Bei zweiterer Version sollte ich damit leben lernen mich immer wieder zu irren und auch als gegeben hinnehmen, dass andere sich irren. Sich geirrt haben kann so erlösend sein, wenn man über die bemühten und festgehaltenen und geliebten Irrtümer irgendwann lachen kann und sich und anderen gnädig sein kann, dann tun sich Türen auf, die man nicht vorhersehen konnte.

Nichts schützt uns vor dem Irrtum, am allerwenigsten das Festhalten an vermeintlichen Gewissheiten, doch manchem Irrtum können wir ein Schnippchen schlagen mit einer Grundhaltung eines mutigen und wachen „Nicht-Wissens“ uns und dem Leben gegenüber. Das Bekenntnis eines Irrtums darf schon weh tun, erst dann entfaltet es seine heilsame Wirkung, denn das klare Bewusstsein des Irrtums führt uns unabdingbar zum autentischen Fühlen ( Beten ist Fühlen, Fühlen ist Beten, sagen die weisen Mönche in Tibet ) und das ist der Kompass unserer Mitte für den nächsten Schritt.

Ich wage die freche These:

die, die wagen sich zu irren, werden frei, ( möglicherweise narren-frei ), die die nicht wagen sich zu irren, werden irre.