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Achtsamkeit in Stade - Dr. Mechthild Hammacher - Stade

Kleine Geschichte des Menschseins

von Mechthild Hammacher (im Januar 2007)

Vorbemerkung: Immer wieder habe ich das Bedürfnis, zusammenzufassen, was mich meine persönliche Suche und all die Begegnungen mit den Menschen, die sich mir anvertrauen, lehren. Das habe ich mit dieser kleinen Geschichte versucht.
Natürlich führt der Weg der Bewusstwerdung nicht zwangsläufig über die Psychotherapie. Aber es ist eine Möglichkeit.

Wir kommen auf diese Welt, zunächst den Blick noch in unendliche, gerade verlassene Fernen gerichtet, und versuchen, das Hier und Jetzt zu erfassen. Wir tun es mit sich öffnenden Augen und Ohren und offenem Herzen. Wir wollen es begreifen, suchen nach Orientierung ! Nicht wie die Tiere, die sich jeden Tag neu auf ihre Lebenswelt einlassen, viel weniger belastet von Erinnerung, viel weniger in der Lage, Erfahrungen in Handlungskonzepte umzuarbeiten. Nein, wir haben ein stetig wachsendes Bewusstsein, sind lernfähig, können intelligent immer neue Situationen schaffen und bewältigen – und müssen den Preis zahlen: wir suchen nach Festlegungen und Konzepten, um uns in dieser komplexen Welt, die uns am Anfang unseres Lebens überfällt und verarbeitet werden muss, zurechtzufinden: wir entwickeln ein ICH, ein Wollen, eine Identität ein Bewusstsein und sind dabei angewiesen auf jene, die uns prägen.
Und so geht’s los:
„Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seiten der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber was mit ihnen geschieht.
Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.“ (P. MERCIER: Nachtzug nach Lissabon, S 398 ) Ja, das ist wahr!
Und doch nicht ganz wahr! Das eine ist das elterliche Wollen und Fürchten. Das andere ist das kleine Kind vor den riesengroßen, Gott ähnlichen Eltern, das mit Beginn seiner Bewusstseinsentwicklung versucht herauszufinden, wie ist ihre Welterklärung, die die einzig mögliche scheint ? Was erwarten sie von mir?
Während die Eltern ganz menschlich das Geschäft des Erziehens versuchen, sich orientierend an Idealen ebenso wie ausgeliefert ihren Stimmungen und eigenen Bedürfnissen, ihren Vorerfahrungen, versucht das Kind die Botschaft seiner „Götter“ zu verstehen, zu entschlüsseln: es sucht nach göttlichen Gesetzen wo doch nur menschliches zu finden ist.
Mag sein, dieser Prozess wird noch unterstützt durch einen Zeitgeist, der natürlich auch die Eltern prägt, der die Individualität des Menschen, seine Selbstherrlichkeit betont und glaubt, mit den rechten Mitteln sei alles machbar, was wir uns wünschen und die Demut vor der großen Ordnung eingetauscht hat gegen eine Welt, in der das, was nicht steuerbar ist und wir hinnehmen müssen abgedrängt ist in eine Schattenwelt für die Verlierer, die schuld an ihrem Schicksal sind ( die Kranken, die Alten,die Ängstlichen, die Sterbenden....) Mag sein, wir, die Kinder, haben eine zeitlang Erfolg mit dem, was wir von Eltern und Welt übernommen und gelernt haben – doch irgendwann kommt der Bruch, irgendwann müssen wir scheitern an dem Bild, was andere und wir uns von uns gemacht haben, an unserem Wahn der Machbarkeit. Erst hier beginnt der Weg der Wandlung, der Heilung, der eigentlichen Selbstfindung.

Drei Wege oder Stufen der Heilung sind denkbar:

1. Der Weg der Heilung der Person ( z.B. in der Psychotherapie ) Zunächst suchen wir nach Verursachern für unser aktuelles Leid. Die Eltern bieten sich an. Als leidender Erwachsener fragen wir uns: welche Wege haben sie mich geschickt, was haben sie mir aufgedrückt, was mir gar nicht passt?
Und wir mögen zurück wandern zum Beginn unseres Lebens, zu all den Wunden, die noch nicht verheilt sind, zu all den Augenblicken, wo wir nicht erkannt wurden in unserem Sosein, wo wir verletzt und gedemütigt wurden und uns den Eltern und anderen zuliebe begrenzt haben in eine Lebensform, die nie passte. Dort können wir in der Entlastung, einen Schuldigen gefunden zu haben, im Vorwurf an unsere vermeintlichen Götter stecken bleiben ( dann haben wir ein bisschen mehr recht als sie, bleiben uns jedoch weiterhin fern ) – oder aber den Schmerz anerkennen und uns selbst neu zu finden suchen und befreien von alten Konzepten., es mutig wagen, zu jedem Schritt unserer Selbsterkenntnis ja zu sagen, ohne Erlaubnisse von Autoritäten ( Eltern, Kirche etc. ) einzuholen.

2.Der Weg der Heilung der Person und des sozialen Umfelds (z.B. systemische Psychotherapie)
Es hilft ein zweiter Schritt: wenn wir auf unsere kleine Welt schauen, auf das soziale System, in das wir hineingeboren sind, wenn wir seine Dynamik und auch die Position der anderen begreifen, dann werden wir feststellen, jeder ( auch die Eltern ) hat in jedem Augenblick nach seinen Möglichkeiten gehandelt. Dabei können Lasten aus der eigenen Vergangenheit wie auch aus viel früheren Zeiten eine Rolle gespielt haben, die nicht bewusst sind und dennoch getragen werden und wirken.
Wenn wir wirklich verstehen – und das heißt auch, Teil des Ganzen werden und nicht in der Rolle der einzigen Leidtragenden verharren – dann kann der Zauber des Vergebens geschehen und wir können unbelastet ankommen auf unserem Platz im Leben. Es ist ein Platz der Freiheit und zugleich der Einsamkeit: wir wagen es allein im Wind zu stehen. Doch woher bekommen wir nun unsere Orientierung?
Wir mögen glauben an die Kraft unserer eigenen Fähigkeiten, besonders solange wir jung sind und dies kann uns eine Weile tragen. Doch irgendwann werden wir auch hier auf unsere Grenzen treffen und die Grenzen der Veränderbarkeit durch die Psychotherapie; wir treffen auf die Erfahrung, dass es trotz all unserem Bemühen Leid, Ohnmacht und Verzweiflung gibt – es liegt letztendlich nur zu einem Teil an uns, wie unser Leben verläuft, wir müssen die Welt des „Machbaren“ verlassen und brauchen einen neuen Schritt:

3.Der Weg der Heilung auf der Ebene der Seele ( z.B. transpersonale Psychotherapie ) In dem Augenblick, wo wir unsere Ohnmacht, unsere Endlichkeit, die Begrenztheit unseres Wollens begreifen, gibt es
entweder nur die Verbitterung über die unzulängliche Konstruktion des menschlichen Lebens, die wir niemals ändern können,
oder aber eine neue Sicht: wir begreifen, das Leben hat seine eigene Dynamik und möchte uns mit dieser gegenübertreten. Es ist nicht schön, nicht großartig, nicht schrecklich und doch von allem ein bisschen, es ist einfach das Leben. Es will nicht von uns bezwungen und vergewaltigt werden, sondern uns begegnen. Es will nicht bewertet werden, es will, dass wir uns anvertrauen, wenn nichts mehr geht und aktiv gestalten und dabei seine Grundgesetze anerkennen, auch wenn wir sie nicht genau kennen. Sich fallen lassen und darauf vertrauen, was Hermann Hesse im Glasperlenspiel sagt:
„Und keiner kann aus diesem Kreise fallen
als nach der heilgen Mitte hin.“
Das Wagnis, sich fallen zu lassen, ist Bedingung, weniger geht nicht.
Von hier aus kann alles noch einmal neu werden: ein neues Gleichgewicht zwischen Demut und eigenen Handeln möchte entstehen, orientiert an unserem inneren Wissen, und manchmal auch an einer Heiterkeit, die weiß, es kommt nicht an auf richtig oder falsch, sondern auf das Erleben des Lebens – also wagen wirs und schauen, was geschieht, in uns und um uns herum.

Als Psychotherapeutin habe ich die Grenzen meines Tuns erfahren und dies zunächst mit Verzweiflung, Stress und schließlich mit großer Erleichterung angenommen. Wie entlastend ist es zu sehen, wie klein der eigene Beitrag zum großen Ganzen ist, wie sehr die große Ordnung getragen ist von Kräften, die auch mich einbeziehen – und so kann und will ich mein kleines Werk im großen Ganzen gerne tun.
Eine Frage bewegt mich jedoch immer wieder:
Es gibt Menschen, die den oben beschriebenen Weg gehen können, andere finden ihn nicht ! Woran entscheidet sich dieses?
Als erstes habe ich gefunden, dass das Trennungskriterium die „Selbstgnade“ ist:
Menschen, die ja sagen können zu sich, so wie sie nun mal sind, die die Diskrepanz zwischen ihrem Selbstideal und ihrer Selbsterfahrung lösen können, die bereit sind auch die Unzulänglichkeit des Lebens, seine Freuden ebenso wie seine Schmerzen anzunehmen, die sich selbst annehmen können als zwar unzulängliches, in Augenblicken der Krise kleines zusammengezogenes und doch wunderbares Geschöpf Gottes, die können heil werden. Irgendwie hat es mit der Demut zu tun.
Und daran knüpft sich ein zweites Kriterium: die Bereitschaft, die eigene Ohnmacht zu erkennen und um Hilfe zu bitten, eine höhere Weisheit in uns oder außerhalb von uns, ganz wie wir es können und empfinden.
Es hat damit zu tun, dass die Maßstäbe der personalen, innerweltlichen Ebene sich relativieren können zugunsten von Maßstäben der übergeordneten (transpersonalen) Ebene. Die sind – weil nicht von uns gemacht - uns zwar nie sicher, wollen immer wieder ergründet werden und uns weisen über unsere Intuition, die unsere ganze Achtsamkeit möchte, jedoch umfasst dieses transpersonale Sein auch das personale: es wird ein Spiel der Welten miteinander.
Es gibt jedoch Menschen, die können es anscheinend nicht wagen, ja zu sich zu sagen, sei es, weil sie dem Nein,das die Eltern einmal gesagt haben, treu bleiben wollen ( und so auch die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen wollen ), sei es, dass sie das Leben, so wie es nun mal ist, nicht anerkennen wollen und sich in die schmerzlichen Erfahrungen verstricken in der Hoffnung, sie doch noch ändern zu können oder geändert zu bekommen. Diese Menschen leiden unsäglich.
Nachdenklich stelle ich fest, es muss damit zusammenhängen, dass die anspruchsvollen Maßstäbe aus einer diesseitigen Perfektionsvorstellung nicht aufgegeben werden können. Steckt ein unbewusster Hochmut dahinter, die Gesetze des Seins aus der kleinen menschlichen Bewusstseinsperspektive bestimmen zu wollen ? Oder ein Festhalten an einer – wie auch immer erworbenen – Selbstverurteilung (auf der personalen Ebene ), die die Annahme des eigenen Seins und infolge den Weg zur Ebene der Seele unmöglich macht ? Nelson Mandela sagt, unsere größte Befürchtung ist nicht die, unzureichend zu sein, unsere größte Befürchtung ist die, licht- und kraftvoll und ohne Grenzen zu sein.
Das Wagnis, die Sicherheit des ebenso qualvollen wie schönen diesseitigen Lebens zu verlassen, zugunsten des großen Unbekannten scheint für die Menschen – warum auch immer – verschieden groß zu sein.

Die Welt ist nicht schön; die Welt ist nicht schrecklich ( und zugleich ist sie beides ).. Die Welt ist einfach nur die Welt, ein Ausdruck des Göttlichen, zu dem anscheinend alles gehört, das Wunderbare wie das Schreckliche. Denn Gott sprach ( Sufi-Tradition ): Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden. Deshalb habe ich die Welt erschaffen.

Die Lebensfrage lautet nicht: wie kann ich möglichst erfolgreich, gut und glücklich sein ? Die Lebensfrage lautet: wie kann ich möglichst viel von der Welt, vom Leben erfahren und mich entfalten, um die Person zu werden, als die ich gedacht bin ? Wie kann ich offen, freudig und neugierig bleiben, bis zum Schluss?

Und noch einmal Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“:

So wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn Herz, nimm Abschied
und gesunde.